Fahren im Regen. Mit Musik.

Ich bin gestern 276km Fahrrad gefahren.

Ich habe am Mittwoch Abend mein Fahrrad geputzt, die Bremsen eingestellt und die Kette geölt.
Habe das Navi, Handy und Licht zusammen gesammelt, eine extra Portion Nudeln gegessen und bin früh schlafen gegangen.
Der Wetterbericht hatte noch am Montag Sonnenschein, Rückenwind und 18 Grad vorausgesagt.
Über die Woche verschlechterte sich die Prognose, aber ich blieb optimistisch.
Gestern Morgen war der Himmel dann Wolken verhangen, aber auch das konnte meinen Optimismus nicht verwässern. Immerhin stimmte die Windrichtung weiterhin, ich erwartete Rücken- und Seitenwind und so kam es auch. In meiner bisherigen Gleichung des Radfahrens erträgt man auf lange Sicht immer nur eine der beiden Faktoren. Regen geht, Gegenwind geht, aber Regen und Gegenwind macht Radfahren zur Hölle. Vor allem auf solch einer Distanz.

Meine Playist für den heutigen Tag umfasste verschiedene Klassiker aus der Zeit als ich jünger war.
Samiam, Hot Water Music, Muff Potter usw.

Ich bin in Rheine aufgewachsen und hatte schon sehr lange den Plan mal mit dem Rad nach Hamburg zu fahren. Daher konnte mich der Wetterumschwung auch nicht vom Start abhalten. Zu sehr hatte ich mich auf den Tag auf der Strasse gefreut.

Gegen 7.30 Uhr ging es dann los.
Die Sonne war noch nicht zu sehen, ich stöpselte die Musik ein, klickte ins Pedal und rollte los.

Die ersten Meter waren unglaublich gut und der Shuffle Modus spendierte nur Hits.

Schon nach wenigen Kilometern begann allerdings ein Song, den ich überhaupt nicht zuordnen konnte. Ha! Ich hatte noch irgendwelche Indie-House Sets auf dem Handy. In dem Moment sehr störend, andererseits war ich aber auch zu geizig mit meiner Zeit, als das ich angehalten hätte.
So verflogen die ersten 1,5h mit einem monotonen Geklacker im Ohr.
Immerhin zeigte sich die Sonne kurz und die Temperaturen stiegen ein wenig.

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Dann begann der Regen.

Nach etwa 2h Regenfahrt und 70 Kilometern stieg ich das erste mal vom Rad für eine Kaffeepause.
Tropfend betrat ich die Bäckerei auf der Suche nach Kaffee und Nahrung.
Relativ schnell wurde mir aber kalt und ich fuhr mit gefüllten Trinkflaschen weiter.
Es gibt wenig schlimmeres, als das Wieder-Anziehen von nasser Kleidung.
Kaum sass ich aber auf dem Rad, kam ein Song den ich wirklich ewig nicht gehört habe.
Everything I won´t miss von Fifth Hour Hero. Der war mal auf einem Green Hell Samper. Ich weiss quasi gar nichts über die Band, habe kein Album, keine Band-Bio oder irgendwas zur Hand, aber der Song war in dem Moment das absolut wünschenswerteste.

Es ging also weiter.

An dieser Stelle bemerkte ich auch, das mein Handy-Akku bereits in die Knie ging, so das ich jegliche Nutzung einstellte, denn die letzten Kilometer in der Dunkelheit und ohne Musik zu fahren, erschien mir in dem Moment wesentlich schlimmer, als das Fehlen von Fotomaterial.

Ich bin das erste Mal eine so weite Strecke gänzlich alleine gefahren.
Ich wusste aus Erfahrung, dass ich in der Lage bin solch eine Strecke zu fahren.
Aber der Regen setzte mir zu. Die langen, graden Landstrassen, deren Ende man nur erahnen kann und auf denen man fast einschläft. Dafür eigneten sie sich aber perfekt um Kilometer zu machen.

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Irgendwann kamen auch wieder kleinere Nebenstrassen, Wälder, Dörfer, Abwechslung.
Ich freute mich als ich die ersten 100km hatte, dann tickte das Navi rückwärts und es waren nur noch 150 km bin nach Hamburg.

Ich kehrte nochmal ein und wärmte mich kurz auf.

Ab jetzt waren es nur noch 120km bis zur Couch.

Die Region um Bremen erlebte ich bei strömendem Regen, einer schlechten Fahrbahn und einem zunehmendem Schmerz in der Achillessehne. Glücklicherweise kam irgendwann nochmal kurz die Sonne raus, der Handy-Akku hielt und ich wusste, dass ich ankommen würde.

Dann kam die Dunkelheit, früher als erwartet. Irgendwie habe ich die Dämmerung überhaupt nicht mitbekommen, auf einmal war es dunkel.
Aber ich hatte einen brauchbaren Strahler dabei und fühlte mich noch gut genug, um in stabiler Geschwindigkeit sorgsam die letzten Meter zu fahren.

Als die ersten Kräne auftauchten, fühte ich mich schon fast zuhause.

Und pötzlich stand ich mit einem knutschenden Pärchen im Aufzug des Elbtunnels und musste ein Lachen unterdrücken.
Die beiden wahrscheinlich auch.

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Vielen Dank an Auguste86. Ohne eure Jacke hätte es nicht gekappt!