The Transcontinental 2015 / dnf

Das Transcontinental Race 2015 liegt hinter uns.
Und als allererstes möchte ich mich bei bei den Organisatoren, den vielen freiwilligen Helfern und den Fahrern für die grossartigen Tage auf den Strassen Europas bedanken.
Und natürlich bei meinem Teampartner Matze.
Und bei Big Lebikeski für den tollen Service rund um´s Rad.

Aber was war denn eigentlich los? Das:

Matze und ich standen am Abend des 25. Juli mit knapp 200 weiteren StarterInnen auf der Muur van Geraardsbergen. Natürlich konnten wir uns in diesem Moment nicht von einer gewissen Nervosität freisprechen, doch bei uns beiden überwog die Erleichterung, dass es endlich los geht.
Nennt es wie ihr wollt: Rennen, Tour, Herausforderung, Urlaub.

Alles begann vor einem knappen Jahr als ich Matze in Freiburg besuchte und wir gemeinsam den (sehr, sehr empfehlenswerten!) Radmarathon Schwarzwald Super fuhren.

Zur Abendunterhaltung schauten wir Melons, Trucks & Angry Dogs und beschlossen ein paar Tage später uns als Pair für das Transcontinental Race No. 3 anzumelden.

Irgendwann Ende 2014 wussten wir dann, das wir einen Startplatz haben und es dementsprechend ernst wird.

“simple in design but complex in execution.”

Grundsätzlich geht es darum, aus eigener Kraft schnellstmöglich Istanbul zu erreichen und dabei vier Checkpoints in Europa anzufahren. Die Herausforderung entsteht im Zeitdruck und der konsequenten Erweiterung der eigenen Komfortzone, die in der Zielwahl des Rennens begründet ist. Von den 200 StarterInnen fahren schätzungsweise 10-20 um den Sieg. Der Rest versucht einfach nach 15 Tagen auf der Finisherparty in Istanbul zu sein. Zum Vergleich: Der Sieger Josh Ibbett hat Istanbul dieses Jahr nach 9 Tagen, 23 Stunden und 54 Minuten erreicht.
Auf Trackleader kann man sich angucken, wer aktuell noch fährt und auch das Rennen noch einmal durchlaufen lassen.

Dieser freiwillige Zeitdruck führt erstens dazu, dass man nicht einfach anhält wo es schön ist, sondern in Etappen fährt und versucht hier im Zeitplan zu bleiben. Dementsprechend ist die Abstimmung zwischen Ruhebedürfnis, Hunger und körperlicher Anstrengung ein dauerhafter Prozess, der sich im Rennen auf die einfache, aber dann doch komplexe Frage: „Halte ich an dieser Tanke oder an der nächsten?“ reduziert. Zweitens führt der Zeitdruck zu sehr verkürzten Schlafpausen. Die Herausforderung ist es den eigenen Organismus auszuloten und zu erfahren, wie viel, beziehungsweise wenig Schlaf man braucht.

Unsere liebevoll bepackten Zweiräder führten uns von Belgien nach Frankreich, Italien, Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina und schliesslich nach Montenegro.
Hier hatten wir einen Sturz bei dem Matze´s Vorderrad leider auf der Strecke geblieben ist und eine Weiterfahrt unmöglich machte. Eigentlich wollten wir über Albanien, Mazedonien und Griechenland in die Türkei fahren. Wie schon angesprochen, verlangt diese Routenwahl eine konstante Erweiterung der Komfortzone des Fahrenden. Man startet in Belgien bei akzeptablen Temperaturen und ruhigem Verkehr und wenige Tage später fährt man bei 40 Grad durch Bosnien über (gefühlt) eine der wichtigsten Güterverkehrachsen Europas und bekommt allmählich einen Tinnitus von dem ständigen Gehupe. Diesen eher weniger schönen Radfahr-Erfahrungen, stehen dann aber sehr ruhige Strassen, tolle Anstiege, gemächliche Abfahrten und unglaublich freundliche Menschen gegenüber.

Nach dem Sturz, den Matze gut, sein Rad schlecht, überstanden hat, sassen wir dann an der Bucht von Kotor, tranken Kaffee und während im Hintergrund die montenegrinische Version von „Marmor, Stein und Eisen bricht“ lief, musste ich eine Entscheidung treffen: Gehen oder bleiben? Es ist schwer nach 12 Tagen Radfahren eine vertretbare Entscheidung zu treffen. „Was sich gut anfühlt, ist richtig“, sagt Markus Wiebusch, aber was zur Hölle fühlt sich denn grade gut an? Einfach hier zu bleiben und den Sonnenuntergang zu beobachten oder wieder auf den Sattel und dem entgegen fahren was noch kommt? Ja, beides. Aber warum denn weiterfahren? Für einen Stempel? Um mir, oder denen die zu Hause meinen blauen Punkt beobachten, was zu beweisen? Wir sind zu zweit gestartet, haben monatelang gemeinsam unsere Vorbereitung abgesprochen, alleine zu fahren stand eigentlich nie auf dem Zettel.

Aber ich konnte in der Bucht von Kotor noch nicht loslassen, ich konnte es nicht einfach im Korbstuhl beenden. Und bin dann weitergefahren und hab an dem Tag noch den letzten Checkpoint, den Mt. Lovcen, angefahren. Während der knapp 3h Kletterei hatte ich ausreichend Zeit um meine Entscheidung alleine weiterzufahren zu überdenken. Nach knapp 1200hm schlug ein Unwetter über mir los, Blitze, Donner und Hagel fielen auf mich herab und innerhalb weniger Sekunden entschloss ich mich umzudrehen. Es ist witzig, wie eine Entscheidung den Kopf und Körper innerhalb kürzester Zeit übernehmen kann. Was ich vorher absolut ausgeschlossen habe, den Abbruch, war auf einmal das naheliegendste, logischste, klügste.

Ich drehte mein Rad, steckte mir die Kopfhörer in die Ohren und drückte auf Play. Das war´s.

Das Transcontinental Race war eine unglaublich intensive Erfahrung, die ich in keinem Fall missen möchte.

Ob wir im nächsten Jahr wieder starten, steht noch in den Sternen. Alles ist möglich.

Hier eine Übersicht unserer Tagesetappen und einige Bilder:

#1 – 350km
Start um 0 Uhr. Wir sind die Nacht durchgefahren und hatten viel Regen und Wind.

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#2 – 284km
Quer durch Frankreich. Weiterhin Regen und Wind.
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#3 – 218km
Planmässig erreichen wir am dritten Tag Bedoin am Fuße des Mt. Ventoux.

#4 – 122km
Weniger Kilometerleistung durch Ventoux und einen weiteren, wunderschönen Pass.
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#5 – 141km
Die Alpen kommen.
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#6 – 236km
Direkt zum Frühstück gab es die Strada dell´Assietta. Absolutes Highlight. 6 Stunden für 40km.
Danach noch Kilometermachen in der Ebene. Starker Gegenwind.
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#7 – 239km
Italien. Flach.

#8 – 273km
Slowenien.
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#9 – 265km
Dann durch Slowenien auch schon wieder durch. Hallo Kroatien.
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#10 – 244km
Abends Vukovar erreicht. Morgens die Grenze nach Bosnien-Herzegowina überquert.
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#11 – 245km
Vukovar-Sarajewo

#12 – 141km
Laut meinem Garmin sind wir an dem Tag 4000hm gefahren, aber das stimmt nicht, nicht ganz so viel. Aber es fühlte sich so an.
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#13 – 202km
Wie beschrieben: Noch den Mt. Lovcen gefahren (den übrigens jeder mal fahren sollte! Unglaublich!) und danach Beach Life und Katerstimmung in der Bucht.
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